" AUSCHWITZ VERSTEHEN " - Eine Gedenkstättenfahrt des Hansa-Gymnasiums Köln 2020

Um die Fahrt angemessen vorzubereiten, traf sich die Gruppe schon lange vor der Reise zu mehreren Vorbereitungstreffen. Bei diesen Treffen sahen wir Filme, hielten und hörten Referate und beschäftigten uns in Workshops und im EL-DE-Haus mit der Geschichte der jüdischen Bevölkerung vor, nach und vor allem während des Krieges. Mit allen Informationen, die wir aufnahmen, wurde auch die Liste der Nazi-Verbrechen vor unseren Augen länger und uns wurde klar, dass wir dem Tatort dieser Verbrechen mit jedem Tag näherkamen.
Dennoch war die Stimmung zu Beginn der eigentlichen Fahrt gelassen. Samstags morgens um 5:45 Uhr stiegen wir in den Bus, zu müde, um viel über den Ort nachzudenken, an den wir fahren würden. Die 13-stündige Fahrt war für alle anstrengend, doch während wir uns unserem Ziel näherten, wurde es im Bus trotzdem ruhiger. Als wir das erste Ortsschild von Oświęcim lesen konnten, war das schon ein Schlag in den Magen. Denn diese eigentlich kaum bekannte Stadt liegt direkt neben dem größten Friedhof der Welt, dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Obwohl man im Dunkeln nicht so viel erkennen konnte, wussten wir, dass irgendwo in der Nähe Stacheldrahtzaun und viele Wachtürme dafür gesorgt hatten, dass niemand diesem Lager des Terrors entkommen konnte. Als wir in unserer Unterkunft, dem „Zentrum für Dialog und Gebet“ (CDIM) ankamen, lenkten wir uns alle kurz mit dem lang erwarteten Abendessen ab, aber als wir im Bett lagen, wusste niemand so richtig, was wir von dem morgigen Tag erwarten sollten.

Der nächste Tag begann nämlich mit der Besichtigung des Stammlagers. Viele ließen ihr Frühstück stehen, denn so richtig Appetit hatte eh niemand. In nur zehn Minuten Entfernung lag das Lager, das man Auschwitz I bzw. das Stammlager nennt. Mit Kopfhörern und der Stimme unseres Guides im Ohr, näherten wir uns dem Haupttor des Lagers. „Arbeit macht frei“ steht da in großen Lettern. Diesen Satz hat jeder schon 100-mal gehört oder gelesen und dennoch schien er uns dann das erste Mal richtig zu treffen. Auf einmal wurde klar, dass hinter und um dieses Tor wirklich das Gebiet liegt, an dem alles vorher Gehörte geschah.
Wir gingen langsam durch das Tor hindurch. Die Gruppe stapfte über die halbwegs befestigten Wege an den Blöcken vorbei. Egal, wo man hinschaute, war man von Ziegelstein-Baracken, Stacheldraht und Wachtürmen umgeben. Unser Guide zeigte uns mehrere wichtige Gebäude, wie den Block 11 etwa, der die Todeszellen enthielt und in dessen Hof die Todeswand bis heute zu sehen ist. Außerdem leitete sie uns durch die Gaskammer und das angrenzende Krematorium. Obwohl wir wussten, dass diese im Vergleich zu denen in Birkenau relativ klein waren, überwältigte uns der Gedanke, dass in diesem Raum unzählbar viele Menschen ermordet wurden.
Die Mittagspause, die auf diese Erfahrungen folgte, war mehr als nur erleichternd. Richtig entspannen konnte man sich jedoch nicht, da niemand wusste, wie man mit der Tatsache umgehen sollte, dass das Lager direkt neben einem lag. Jede Freude fühlte sich irgendwie falsch an.

Am Nachmittag betraten wir das Stammlager erneut, diesmal für einen Workshop mit einer Mitarbeiterin des staatlichen Museums Auschwitz. Wir beschäftigten uns mit den Tätern von Auschwitz, um herauszufinden, was einen Menschen zu solchen Taten bringt und wie sie diese vor sich selbst rechtfertigen konnten. Zur Überraschung vieler stellten wir fest, dass ein Großteil der Aufseher das Lager als einen Arbeitsplatz wie jeden anderen angesehen hatte. Nur bei wenigen konnte man wirklich Grausamkeit als Motiv erkennen, die meisten wollten einfach nur eine sichere Anstellung und sahen ihre Verbrechen als Teil des Jobs an, der zugleich Aufstiegsmöglichkeiten beinhaltete. Mit diesem Fazit beendeten wir den Workshop und wurden in die Freizeit entlassen.
Die paar Stunden taten gut, um unsere Gedanken für den Abend zu ordnen, an dem wir uns noch einmal zu einem ersten Reflexionsgespräch trafen. Viele erzählten einfach von den Erfahrungen, die sie gemacht hatten, andere stellten direkt den Bezug zur heutigen Zeit und eventuellen Parallelen in der Geschichte her. Insgesamt war das Treffen sehr hilfreich, um das Erlebte zu verarbeiten und erstmal mit dem Tag abzuschließen, so dass die meisten von uns ruhig schlafen konnten.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach dem Frühstück ins Stadtzentrum von Oświęcim, um dort die Stadt und Spuren des jüdischen Lebens in ihr kennenzulernen. Heute erkennt man kaum, dass die Stadt so eine große Rolle im Holocaust gespielt hat. Es wird erst deutlich, wenn man den rekonstruierten Grundriss der alten Synagoge sieht und die letzte kleine Synagoge betritt, die den Krieg durch einen Zufall überstanden hatte. Heute leben in dieser Stadt keine Juden mehr, während vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs von 12.000 Einwohnern etwa 7.000 Juden waren. Viele Juden aus allen Ländern der Erde besuchen die Gedenkstätte Auschwitz, doch an diesem Ort, dem heutigen Oświęcim will sich keiner von ihnen mehr ansiedeln. Mit diesem Wissen verlassen wir das Zentrum dieser kleinen Stadt mit heute 39.000 Einwohnern und machen uns wenige Stunden später auf den Weg nach Birkenau, der riesigen Erweiterung von Auschwitz I.
Das Lager in Auschwitz II war das größte Lager der Nationalsozialisten überhaupt - es war Konzentrations- und Vernichtungslager zugleich. Wir konnten das Haupttor von Birkenau schon von weitem sehen. Es fühlte sich ähnlich an wie im Stammlager, da wir dieses Tor auch schon auf vielen Fotos und in vielen Filmen gesehen hatten, aber es in der Realität einen viel stärkeren Effekt hat. Über dem Tor befand sich noch ein Gerüst, dessen Stangen zu dem gewaltigen Zelt gehörten, das zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz aufgestellt worden war. Der Anblick war ungewohnt, aber irgendwie auch erleichternd. Es erinnerte einen daran, dass heute niemand mehr an diesem Ort leiden muss. Dennoch wurden uns beim Gang durch das Lager die Knie weich. Das Ende des Lagers ist kaum erkennbar, so gewaltig groß sind die Dimensionen hier bis heute. Der Stacheldraht scheint überall entlang zu laufen. Die Schornsteine lassen erkennen, wie viele Baracken hier früher einmal gestanden haben. Ihre Zahl ist viel zu groß, um sie alle zählen zu können.

Wir begannen unseren Rundgang im Frauenlager und bewegten uns von dort über mehrere Zwischenstopps zu den vier Gaskammern mit den Krematorien. Obwohl sich viele Eindrücke und Gefühle aus dem Stammlager wiederholten, erkannte man hier zum ersten Mal die Ausmaße und die Effizienz der Vernichtung. Der Gedanke, dass sich jemand überlegt hat, wie man möglichst viele Menschen mit möglichst geringem Geld- und Zeitaufwand töten kann, macht einen krank. Wir verließen das Lager nach vier Stunden, obwohl wir vermutlich weniger als die Hälfte gesehen hatten. Dieser Ort ist einfach zu groß.
Am nächsten Morgen fuhren wir wieder in unserem Bus nach Birkenau. Es regnete unaufhörlich. Diesmal liefen wir die Lagerquerstraße entlang und besichtigten zunächst die Unterkünfte des Sonderkommandos, dann das Zigeunerlager und schließlich die sogenannte "Sauna". Wir hörten Geschichten von einzelnen Häftlingen und erfuhren die genaueren Hintergründe im Leben der Häftlinge von Auschwitz. Eigentlich könnte man über jeden dieser Orte und einzelnen Menschen lange Essays schreiben, doch am meisten sticht die Sauna heraus. In diesem Gebäude wurden Häftlinge, die nicht direkt ins Gas geschickt wurden, ins Lager eingegliedert. Ihre persönlichen Sachen wurden ihnen abgenommen, die Köpfe rasiert und sie mussten eine gestreifte Uniform anlegen. Die Räume sind noch gut erhalten, weshalb man die Prozedur im Kopf selber durchlaufen konnte.

Der letzte Raum wurde jedoch verändert. Mehrere Wände waren in der hinteren Hälfte des Raums aufgebaut. An ihnen hingen Fotos der ermordeten jüdischen Menschen vor dem Krieg. Es waren die Fotos von Menschen aus einem Deportationszug, die vor der Verbrennung in einem Koffer versteckt werden konnten. Es handelt sich hierbei um Familienfotos, Erinnerungen an gute vergangene Zeiten mit Festen und Feiern. Jeder der Häftlinge war ein Mensch wie du und ich. An den Wänden hätten Spiegel hängen können und es wäre einem vermutlich nicht einmal aufgefallen. Als wir uns danach durch den starken Regen zurück zum Bus bewegten, blieben nur wenige Augen trocken.

Am Nachmittag dieses Tages besuchten wir die Ausstellung des polnischen Künstlers Marian Kołodziej, dem als Häftling die Nr. 432 eintätowiert wurde. Diese niedrige Zahl weist ihn als einen der ersten Insassen des Stammlagers aus. Marian hatte sich nach dem Überfall der Deutschen auf Polen der Untergrundarmee angeschlossen und wurde mit 19 Jahren verhaftet und dann am 14.6.1940 nach Auschwitz gebracht. Er überstand diese Hölle auf Erden und wurde schließlich nach mehrfacher Verlegung in Mauthausen von den Amerikanern am 6.5.1945 befreit. Seine Bilder helfen einem die Gefühle zu verstehen, die man als Häftling hatte. Zudem ist die künstlerische Darstellung eine notwendige Vertiefung der harten Bilder, mit denen man in den Lagern konfrontiert wurde.
Der nächste Tag Mittwoch war unser letzter in Oświęcim - deshalb betraten wir noch ein letztes Mal das Stammlager, um auf eigenen Weg durch diese Lager zu gehen. Obwohl die Gefühle nicht mehr so stark waren wie am ersten Tag, blieb die deprimierende Stimmung. Wir hatten Zeit, um uns die Länderausstellungen in verschiedenen Blöcken anzuschauen und damit noch mehr über die Opfer des Holocausts zu erfahren.
Nach etwa drei Stunden stiegen wir in den Bus und machten uns auf den Weg nach Krakau. Obwohl man das Gefühl hatte, dass man eigentlich noch viel mehr Zeit bräuchte, um Auschwitz wirklich zu verstehen, tat es gut, nach vier Tagen konstanter Trauer an einen anderen Ort zu fahren.

In Krakau bezogen wir unsere Zimmer im „Hotel Royal“ und machten anschließend eine Führung durch das ehemalige Ghetto im heutigen Krakauer Stadtteil Podgorze, das von den Nazis am 20 März 1941 eingerichtet und bis zur endgültigen Liquidation am 14. März 1943 ein Ort des Grauens für die jüdische Bevölkerung der Stadt Krakau sowie der umliegenden Dörfer war. Trotz der für viele von uns anstrengenden Kälte war die Führung durch unseren Guide Margarete Kieres interessant und bewegend zugleich, zumal man viele Orte aus dem Film „Schindlers Liste“ wiedererkannte und sich so genau vorstellen konnte, wie das Leben dort ausgesehen hatte. Die Tour endete an der Schindler-Fabrik und wir bekamen dann Zeit, um die Stadt selbständig zu erkunden. Es war eine willkommene Abwechslung, nach den Tagen in Oświęcim durch die Stadt Krakau zu laufen, die so voller Leben und Freude ist. Über 200.000 Studierende leben hier gemeinsam mit annährend 800.000 Menschen. 2018 lag der die Zahl der Besucher dieser wunderschönen Stadt, die im Krieg weitestgehend unzerstört blieb, bei 13,5 Millionen Besuchern. Laut dem "Travel Magazine" bekam Krakau 94% der Leserstimmen und belegte somit den ersten Platz im Ranking für die interessanteste europäische Stadt. Krakau schlug damit 42 europäische Städte – von Sevilla (93%) bis Neapel (59%)!

Am nächsten Morgen besuchten wir die wichtigsten Stätten jüdischen Lebens in Krakau vor allem im Stadtteil Kazimierz - Synagogen, ehemals jüdische Wohnhäuser und den "neuen" jüdischen Friedhof. Am Nachmittag waren wir zu Gast im "Jewish Community Centre" (JCC) in Kazimierz. Dort trafen wir uns mit der Zeitzeugin Frau Prof. Dr. Zofia Radzikowska, die als kleines Mädchen untertauchen konnte, als die Wehrmacht 1939 Krakau besetzte. Das Gespräch mit ihr, einer ehemaligen Juraprofessorin der Jagiellonen-Universität in Krakau, wurde von Frau Marcjanna Kubala moderiert, die die Studierendengruppe des JCC leitet. Beide erzählten uns voller Freude von der positiven Entwicklung des jüdischen Lebens in Krakau heute und wie viele junge Menschen ihre jüdischen Wurzeln entdecken und sich der jüdischen Gemeinde anschließen. Es tat gut zu hören, dass die Nazis es nicht geschafft hatten, diese wundervolle Kultur auszulöschen und dass das jüdische Leben in dieser Stadt langsam, aber sicher wieder aufblüht.
Am nächsten und damit letzten vollen Tag in Krakau hatten wir nach einer letzten Stadttour auch noch ein weiteres Zeitzeugengespräch auf dem Programm. Diesmal begegneten wir der Romni Krystyna Gil, die als eine von wenigen das Massaker der Nazis im Dorf Szczurowa am 3. Juli 1943 überlebte. Sie konnte mit ihrer Großmutter untertauchen, bis sie auch gefunden und in das Konzentrationslager Plaszow bei Krakau gebracht wurden. Dort wurde der kleinen Krystyna und ihrer Oma letztendlich von einem SS-Aufseher zur Flucht verholfen, so dass sie erneut untertauchen konnte.

Nach dem Krieg konnte sie sehr lange nicht über ihre Vergangenheit sprechen, bis sie jedoch den Entschluss fasste, gegen das Vergessen arbeiten zu müssen. Ihre Geschichte vergegenwärtigte uns, wie schrecklich auch die Schicksale außerhalb von Auschwitz waren, denn der Holocaust fand ja nicht nur in Auschwitz statt. Im Zusammenhang der vielen Fragen, die sie uns beantworteten konnte, half sie uns, die damalige Zeit und welche Auswirkungen der Holocaust auf die Opfer hatte, besser zu verstehen. Da dieses Gespräch neben der Rückreise der letzte offizielle Programmpunkt war, bildete es auch ein gutes Schlusswort für die gesamte Gedenkstättenfahrt.
Jeder von uns weiß nun, wie wichtig es ist, den Opfern zu gedenken, aber dass das Leben auch weitergeht und die Nazis es nicht geschafft haben, ihre Gegner, insbesondere die Juden sowie die Sinti und Roma und damit auch ihre Religion und Kultur auszulöschen - und ...

dass ihr Lebenswille nicht gebrochen ist, und dass sie wieder zurückkehren werden.
Dass ihre Kinder ihre Traditionen fortführen und im Glauben ihre alten Stätten wiederbeleben werden.
Und dass es nie wieder einen zweiten Holocaust geben darf!
Dass jeder von uns alles tun muss gegen das Vergessen und dass niemand bei grundlosem Hass wegschauen darf!
Dass es nie wieder etwas wie Auschwitz geben darf!!!

Insgesamt war die Fahrt sehr prägend und trotz des umfangreichen, teilweise engen Programms für alle Teilnehmer*innen eine wichtige Erfahrung. Ich glaube, dass jeder nach dieser Fahrt anders über unsere Geschichte und anders über aktuelle politische Entwicklungen denkt und kann deshalb jedem, egal ob mit oder ohne der Schule ans Herz legen, die Gedenkstätten in Oświęcim und Krakau zu besuchen, um zu erfahren, was Auschwitz bedeutet.

Ein Bericht von Ole Mordhorst (Stufe Q1)