Gedenkstättenfahrt

'NIE WIEDER AUSCHWITZ' - nur ein frommer Wunsch oder eine bleibende Aufgabe?

5 Jahre.
1,1 Millionen Tote.
Davon etwa 1.000.000 Juden
200.000 Überlebende.
Davon starben die meisten auf den Evakuierungsmärschen oder in anderen KZ`s
Unvorstellbare Qualen.
Fast 8000 Täter und unzählige Zuschauer.
Ausschwitz.

Um etwas mehr über diese unbegreifliche Episode unserer Geschichte zu erfahren und in der Hoffnung, mehr zu begreifen, traten wir dieses Jahr die Studienfahrt nach Auschwitz und Krakau an.

Von Köln aus fuhren wir mit dem Bus 14 Stunden von Köln nach Oświęcim. Ein kleiner, unschuldiger Ort, der zum Mahnmal für den größten Massenmord in der Weltgeschichte wurde. Während der langen Hinreise war die Stimmung zunächst gut. Wir alle waren gespannt, was uns in der bevorstehenden Woche erwarten würde und froh, diese Erfahrungen zusammen mit einer Gruppe zu machen, in der wir uns sehr wohl fühlten. Je näher wir Ausschwitz kamen, desto mehr dachten wir darüber nach, wozu wir diese Fahrt machten und mit welchen Bildern wir konfrontiert sein würden. Wir alle wussten durch die gute Vorbereitung in der Schule, in Form von Seminaren, Filmen und Vorträgen, was in etwa dort zu sehen sein würde. Auf die Gedanken, Gefühle und Reaktionen aber, die bei jedem an diesem Ort ganz unterschiedlich sein würden, konnte uns niemand vorbereiten.

Unsere Herberge, das "Zentrum für Dialog und Gebet" lag direkt neben dem Stammlager Ausschwitz I. Beim Blick aus dem Fenster erstrecken sich Stacheldraht und Baracken; es sieht aus wie eine alte, leerstehende Fabrik. Es war irreal. Wir schliefen neben, fast in einer Fabrik - einer Todesfabrik. Sobald man in die Nähe dieses Ortes kommt oder wie wir, direkt daneben isst und schläft, kommt man unweigerlich in einen Konflikt. Es fühlte sich für uns widersprüchlich und komisch an, in dieser Jugendherberge Spaß zu haben, Tischtennis zu spielen, einfach mit den Gedanken nicht im Lager zu sein. Nicht die ganze Zeit unendlich traurig zu sein.Als wir begannen, Ausschwitz I zu besuchen, war man fast erleichtert, denn das, was wir dort sahen, glich eher einem Museum und war zwar sehr berührend, sah aber nicht so aus, wie die schrecklichen Bilder, die wir von Ausschwitz Birkenau kannten. „So schlimm ist das hier ja gar nicht“, dachte man im ersten Moment, als wir uns auf dem Platz hinter dem Eingang versammelten und unser Guide die Führung startete. Dieser Gedanke war aber schnell wieder verflogen, denn was wir in den Räumen sahen und unser Guide Janosz uns in den nächsten vier Stunden dazu erzählte, brachte die meisten von uns zum Weinen. Berge mit abgeschnittenen Haaren, tausenden Schuhen, Brillen, Koffern, Geschirr und Gegenständen, die den Opfern wichtig gewesen waren.  Uns wurde klar, dass die Menschen, die uns von den Fotos aus mit leeren ausgemergelten Gesichtern anschauten, ein ganz normales Leben geführt hatten.

Die Masse an Menschen, die dort auf grausame Weise umgebracht worden war, schien sichtbarer zu werden. Man stand vor einem Teil, ihren Körpern, ihren Haaren. In jedem Gegenstand, sei es dem Rasierapparat oder der kleinen Puppe, spiegelte sich ein unendlich wertvolles, aber verlorenes Menschenleben wider. Unser Gang durch das Stammlager ging weiter. Wir sahen die Todeswand, das Lagergefängnis mit seinen Hungerzellen und schließlich die Gaskammer und das Krematorium. Die Geschichten dieser Orte und das unendliche Leid der dort gequälten und umgebrachten Menschen war so entsetzlich, so unbegreiflich. In den Baracken sind Länderausstellungen wie die des Staates Israel oder der Niederlande zu sehen. In der uns beiden besonders im Kopf gebliebenen Ausstellung des Staates Israel wurde ein sehr berührender Film gleichzeitig auf viele Wände multimedial projiziert. Er zeigte Ausschnitte aus dem Leben der später Ermordeten: Lachende Kindergesichter, ein junges Pärchen, ein Chanukkafest, eine Hochzeit, das pulsierende Glück, den blauen Himmel und die Sonne. Den blauen Himmel, den die KZ- Häftlinge nicht wiedersehen würden, weil ihr Himmel bedeckt von Rauchschwaden der Krematorien sein würde. Unendliche Trauer machte sich in uns breit.

Auschwitz Birkenau

Für uns ist Ausschwitz Birkenau der traurigste Ort der Welt.
Der Ort des Grauens.
Der Ort, an dem wir alles Leid der Welt vor uns sahen; an dem alles Böse, alles Schlimme, alles Dunkle, Düstere vereint ist.
Der Ort, an dem wir anfingen, einen winzigen Teil des Unvorstellbaren zu begreifen: Auschwitz - Der wahr gewordene Albtraum einer Todesfabrik.

350 Fußballfelder! Von dem Wachturm aus, von dem man eine Übersicht über Ausschwitz II - Birkenau bekommt, wird einem dieses Ausmaß des gesamten Lagers erst bewusst. Anstelle der vielen Baracken stehen dort oft nur noch ihre übriggebliebenen Schornsteine. Man schaut von oben auf ein graues, weites, menschenleeres Feld, übersäht mit Schornsteinen, Holzbaracken und dem großen Frauenlager im Süden des Geländes mit seinen vielen nicht zerstörten aber einsturzgefährdeten Steinbracken. Es ist kalt, und der Wind pfeift uns auf diesem freien Feld eisig um die Ohren. Uns allen ist kalt. Uns ist kalt, während wir uns eingepackt in unsere dicksten Winterjacken dort auf dem Feld Geschichten der Häftlinge anhören. Anhören wie die Häftlinge barfuß, nur bekleidet mit einem dünnen Baumwollanzug den ganzen Tag auf einem eiskalten, schlammigen Feld arbeiteten.
Man fühlt sich so schuldig, wenn man dort steht und sich, wenn auch nur leise zu sich selber über Hunger, Müdigkeit oder Kälte beklagt. Wir, die alle noch nie wirklich Hunger oder Kälte verspürt haben. Alles fühlt sich so dumpf an. Der Besuch der Gaskammern, der Krematorien, des Ascheseen. Alles dumpf und irreal, wie durch eine Milchglasscheibe. Jedes Zitat eines Ex- Häftlings wird schlimmer als das andere. Von jedem neuen, grausamen Detail zum nächsten - immer furchtbarer.

Am Nachmittag, nach unseren jeweils vier Besuchen in Ausschwitz I und Ausschwitz II Birkenau, haben wir in unterschiedlichen Veranstaltungen tiefere Einblicke gewinnen können. So besuchten wir die alte kleine Synagoge der Stadt Oświęcim, lernten etwas über das Judentum im Allgemeinen und über die jüdische Gemeinde dieser Stadt vor dem II. Weltkrieg. In einem Workshop erfuhren wir mehr über die Motive der etwa 8000 Täter von Auschwitz. Zudem besuchten wir die Ausstellung des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Marian Kołodziej mit der Häftlingsnummer 432, der in erschütterten Bildern seine Erlebnisse im KZ verarbeitet hat. Es entstand in der Krypta des Franziskanerkloster in Harmeze eine große Ausstellung mit dem Titel "Klischees der Erinnerung - Labyrinth".

Krakau

Nach den Erlebnissen in Auschwitz hat Krakau dann wie das Paradies gewirkt. Unser begleitender Lehrer Herr Grümme hatte uns auf der Hinfahrt gesagt, hier würde das Leben pulsieren. Wir haben es ihm zunächst nicht geglaubt, doch es stimmte: An jeder Ecke hört man Musik, die Menschen sind aufgeschlossen und höflich, die Häuser bunt und sie erzählen alle ihre eigenen Geschichten. Die Weichsel fließt malerisch durch die Stadt und über allem thront die mittelalterliche Burg auf dem Berg Wavel.
Unser Hotel lag sehr zentral in der Fußgängerzone beim Hauptmarkt, dem Rynek. Daher hatten wir immer nur einen sehr kurzen Weg, wenn wir die Stadt besichtigen wollten. Dies taten wir meistens mit unserer Stadtführerin Margareta Kieres. Sie kennt die tollsten Orte in Krakau und zeigte uns neben den Touristenattraktionen wie den Tuchhallen, der Marienkirche oder der Burg auch mittelalterliche Gassen oder den Wavel-Drachen, der am Fuße des Wavelhügels Feuer spuckt. Außerdem liefen wir mit ihr durch das jüdische Stadtviertel Kazimierz. Sie erzählte uns viele Geschichten der Juden in Krakau, wir besichtigten z.B. einen jüdischen Buchladen, einen jüdischen Friedhof sowie die Isaak-Synagoge der orthodoxen Gemeinde von Krakau. Im Jewish Community Center (JCC) Krakau hatten wir zudem später noch ein sehr eindrucksvolles Gespräch mit dem Rabbi Avi Baumol, der uns sehr viel Neues über seine Gemeinde erzählte, die seit einigen Jahren einen regen Zulauf hat. Darüber hinaus hat uns Margareta noch das alte Ghetto sowie die ehemalige Fabrik Schindlers, welche heute ein Museum ist, gezeigt.  Es war toll, die Möglichkeit zu haben, unser theoretisches Wissen über das jüdische Leben von damals an diesem Ort ganz lebendig werden zu lassen.

Die Zeit, die wir in Krakau zu unserer freien Verfügung hatten, haben wir dann genutzt, um die Stadt nochmal auf unsere eigene Weise zu erkunden. Wir haben in verschiedenen Cafés die für Krakau so typische heiße Schokolade getrunken, sind durch die Tuchhallen gelaufen und haben Souvenir-Shops besucht. Außerdem haben wir das polnische Essen probiert: Piroggen, Racuchy (polnische Pfannkuchen) oder Obwarzanki (polnische Brezel). Am Ende kannten wir die Stadt so gut, dass wir uns selber schon fast wie Einheimische gefühlt haben.
Alles in allem hatten wir in Krakau eine sehr schöne Zeit. Es war ein wunderschöner Abschluss dieser lehrreichen und extrem beeindruckenden Fahrt.

Ein Bericht von Jule Einhoff und Susanna Stadel (Stufe 10)