Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar 2026
Avraham Applestein erzählte in der Aula des Hansa-Gymnasiums die Geschichte seiner Familie während und nach dem Holocaust.
Der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar wurde im Jahr 2005 von den Vereinten Nationen (UN) zum Gedenken an den Holocaust und den 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau eingeführt.
Norbert Grümme (Lehrer), 2. Februar 2026

In einer Gedenkveranstaltung berichtete Avraham Applestein, Sohn von Shoah-Überlebenden in der gut gefüllten Aula des Hansa-Gymnasiums von seiner Familie im Holocaust.
Seit vielen Jahren lebt Avi Applestein in Deutschland und war lange Zeit Vorstandsmitglied der Jüdischen Liberalen Gemeinde in Köln. Durch die vielen Erzählungen seiner Eltern wurde die Vergangenheit auch für Avi prägend – er musste sie auf seine eigene Art verarbeiten. Als Erwachsener begann er mit einer weiterführenden Recherche über die Verfolgung seiner Familie. Über Jahrzehnte hat er Nachweise und Dokumente aus verschiedenen Archiven wie Yad Vashem in Jerusalem oder die Arolsen Archives zusammengetragen. Seit einigen Jahren berichtet er davon als Nachkomme und Zeitzeuge.

Avraham Applestein wurde 1956 in Haifa, Israel geboren, wohnte einige Jahre auch in einem Kibbuz und bereiste später für mehrere Jahre die Welt, vor allem Asien, von Indien bis Japan. Er hat Israel verlassen, weil er sich weigerte, weiterhin als Reservist der Israelischen Armee im Libanonkrieg mitzuwirken. Dieser Krieg sei aus seiner Sicht kein Verteidigungskrieg mehr gewesen. So habe er die Wahl zwischen Gefängnis oder der Emigration aus Israel gehabt.
Anschließend absolvierte er verschiedene Ausbildungen mit dem Schwerpunkt auf körperorientierte Psychotherapien in der Schweiz. Seine Jüdischen Eltern stammen aus Polen und wurden während der Nazi-Zeit in diverse Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert – darunter Auschwitz-Birkenau und das KZ Bergen-Belsen. Das unfassbare Grauen, das beide erlebt haben, wurde auch für Avi als Kind spürbar. Immer wieder wurde er mit den Schrecken des Holocausts konfrontiert, die Atmosphäre im Elternhaus war geprägt von den Erinnerungen an Leid und Tod.

So berichtete Avi von seiner Mutter, die mit 14 Jahren Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik leisten und sexuelle Gewalt über sich ergehen lassen musste. Die Hugo Schneider AG (HASAG) war ein deutscher Rüstungskonzern, der in seinen Werken zahlreiche Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge eingesetzt hat. Den Zusammenhang von Holocaust sowie dem Profit seitens des NS-Staates und diverser kooperierender Deutscher Unternehmen hat er anhand verschiedener Beispiele immer wieder herausgearbeitet und durch diverse, an dem Abend präsentierter Dokumente untermauert.
Sein Vater überlebte Auschwitz und einige andere Deutsche Konzentrationslager aufgrund vieler Zufälle. Ruvin Applestein, der am 15.11.1925 geboren wurde, wog 1945 nur noch 25 kg! Er konnte Avi von vielen Ereignissen in den Lagern erzählen, von den Strapazen als "Arbeitssklave" beim Autobahnbau in Niederschlesien nahe der Stadt Ludwigsdorf im heutigen Polen, von dem Mut des Vaters, bei einem Marsch durch ein Waldgebiet völlig entkräftet zu fliehen und sich in einem Erdloch zu verstecken und so zu überleben. Von seiner Familie konnte Ruvin seinen Kindern allerdings nicht erzählen, weil er dann immer weinen musste, so Avi in seinem sehr persönlichen Bericht. Hierbei zeigte Avi einen Stammbaum, bei dem deutlich wurde, wie viele Menschen seiner Familie während der Shoah ums Leben gebracht wurden.

Ruvin Applestein lernte seine zukünftige Frau in einem Lager für DP´s - also für Displaced Persons - in Bayern kennen. Beide zogen dann nach einer längeren Zeit am 26. August 1948 nach Israel, also unmittelbar nach der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948. Sie gründeten eine Familie mit drei Kindern. Avi erinnert sich, dass seine Mutter immer Lebensmittel in Form vieler Konserven gehortet habe, aus Angst, dass sie und ihre Kinder nicht satt werden würden.
Für Avi und seine Geschwister, aber auch seine Freunde in Israel wäre es immer klar gewesen, dass es nur junge Menschen geben würde, denn man habe keine älteren Menschen auf den Straßen und Plätzen gesehen. Eigentlich alle Kinder und Jugendlichen seien ohne Oma und Opa, ohne Onkel und Tanten aufgewachsen, von denen sie gerne liebevoll in den Arm genommen worden wären.
Israel sei bis heute der Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden aus der ganzen Welt, die in Zeiten der Entrechtung, der Verfolgung und der Ermordung nachhaltig Schutz und Sicherheit finden wollen.

Sein Vortrag in der neuen Aula des Hansa-Gymnasiums war sehr eindringlich und nachhaltig. Anhand seines sehr persönlichen Berichts fördert Avi Applestein ein tiefes Verständnis für die Geschichte der Verfolgung der Jüdinnen und Juden während der Nazi-Diktatur. Bei der beeindruckenden Zusammenstellung so vieler Dokumente geht es Avi Applestein immer auch um den historischen Kontext der Geschichte seiner Familie sowie den Konsequenzen für die Gegenwart und Zukunft. So warnte er die zuhörenden Schülerinnen und Schüler und alle anderen Gäste:
Das könne immer wieder passieren, wenn sich die politischen Verhältnisse in einer Demokratie nachhaltig verändern sollten.
Wir danken Avraham Applestein für den sehr informativen und bewegenden Vortrag, den die Allermeisten wohl nicht mehr vergessen werden.
Norbert Grümme
Koordinator der Gedenkstättenfahrten am Hansa-Gymnasium Köln