Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit: Studienfahrt nach Auschwitz und Krakau

"Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit." Unter diesem Motto nahmen 29 Schülerinnen und Schüler der Oberstufe vom 4. - 11. Februar gemeinsam mit ihren Geschichtslehrern Ursula Merz, Norbert Grümme und David Neumann an einer Studienfahrt nach Auschwitz und Krakau teil. Ziel der Reise war einerseits das Gedenken an die Opfer der Shoah und anderseits die Geschehnisse im Konzentrationslager annähernd zu begreifen.

Auschwitz oder der Versuch, das Geschehene zu begreifen

Der erste Tag im Stammlager hatte eher Ähnlichkeiten mit einem Museumsbesuch, da wir, als eine von vielen Gruppen, von einem Guide durch die verschiedenen Ausstellungen geführt und dabei mit Daten, Fakten und Bildern überflutet wurden. Dieser erste Eindruck war dennoch wertvoll und vorbereitend für die folgenden Tage und zugleich eine gute Einführung vor Ort.
Das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz Birkenau hingegen besaß eine ganz andere Ausstrahlung und Intensität, da es seit seiner "Befreiung" fast unberührt und unverändert geblieben ist und somit einer Gedenkstätte näher kommt. Vor der Fahrt sollten wir uns einen Stolperstein in der Nähe suchen, den Namen auf einen Stein schreiben und ihn nach jüdischer Tradition zum Gedenken an einem Platz unserer Wahl ablegen. Dieser Moment stellte für jeden einen ganz persönlichen und emotionalen Augenblick dar, da man eine gewisse Verbundenheit zu seiner ausgewählten Person empfand. Ebenso ergreifend war die Geschichte eines Mitgliedes des Sonderkommandos, welches aus Häftlingen bestand und für die Beseitigung der Leichen zuständig war. Shlomo Venezia wurde als junger Mann in das Sonderkommando eingeteilt, hatte aber noch nie zuvor eine Leiche gesehen, geschweige denn angefasst. Das Verbrennen wurde bald zu einem alltäglichen Vorgang – man vergaß darüber nachzudenken, was man tat oder man versuchte sich die Leichen wegzudenken. Einen weiteren bleibenden Eindruck erfuhren wir in der "Sauna", dem Ort an dem die Häftlinge nach ihrer Ankunft im Lager entkleidet, "gesäubert" und kahlgeschoren wurden. Dort waren Fotos ausgestellt, die ihr Leben vor der Deportation zeigten, Erinnerungsfotos voller Freude, Glück und schöner Momente. Das waren Menschen die zum Zeitpunkt der Aufnahmen keine Ahnung von ihrem Schicksal hatten, doch man stand davor mit dem Wissen, was mit diesen Menschen geschah.
Am Nachmittag besuchten wir die letzte verbliebene Synagoge in Oswiecim und lernten etwas über das Judentum und dessen Entwicklung in diesem Ort, in dem vor dem Überfall der Nazis Juden und Christen zusammenlebten, bis die Nazis dieses Leben durchbrachen und alles und jeden zerstörten und töteten, der mit dem Judentum in Verbindung gebracht werden könnte.
Am nächsten Morgen ging es ohne Guide nach Birkenau, so bekamen wir vielleicht weniger Daten und Fakten, dafür konnte man besser einen Moment für sich nehmen und hatte mehr Zeit und Raum für seine Gedanken. In den letzten Tagen hatten wir so viele Eindrücke gesammelt, dass man mit dessen Verarbeitung gar nicht hinterherkam. Dieser dritte Tag in Birkenau war auch emotionaler und ergreifender, da man die Möglichkeit hatte, sich auf alles viel mehr einzulassen und langsam begann zu begreifen. Dieses Lager, die Atmosphäre, die Geschichten und seine Eindrücke, das war alles so viel auf einmal, was einen überkam. Vor allem aber auch das Wissen, nur einen winzigen Teil verstanden zu haben - das alles machte einen fertig.
Am Nachmittag beschäftigten wir uns mit den Tätern von Auschwitz, eigentlich normalen Menschen, bis auf den Unterschied, dass sie am größten Massenmord der Menschheitsgeschichte beteiligt gewesen sind. Im Nachhinein gab es verschiedene Typen von Aufsehern. Einmal die wenigen, die ihre Taten eingestanden und sie bereuten, das sind die, die während der Shoah nie hinterfragt haben und einfach Befehle stur ausgeführt haben. Dann die große Gruppe, die sich damit entschuldigte, dass sie nur Befehle ausgeführt hätte und nur ein kleines Zahnrad in der großen Tötungsmaschinerie war. Zu guter Letzt die, die aus voller Überzeugung oder aus komplettem Wahnsinn immer noch behaupteten, das absolut richtige getan zu haben und es auch wieder tun würden - hier ist der Hass so weit verankert, dass er eher zu einer Besessenheit geworden ist. Es ist erschreckend zu sehen, dass es teilweise wirklich normale Menschen waren, die vielleicht sogar durch einige Zufälle Aufseher geworden sind, die sich an der Grausamkeit der Shoah beteiligten und ohne Gewissen töteten. Das kann man sich nicht vorstellen, wie sehr Menschen sich unterwerfen und wie wenig sie darüber nachdenken, was sie tun. Der Kommandant von Auschwitz, Rudolf Höss schreibt dazu in seinem Abschiedsbrief an seinen Sohn vor seiner Hinrichtung: "Lerne aus meinen Fehlern und werde ein besserer Mensch als ich es war. Hinterfrage Dinge und nimm sie nicht einfach so hin." Solch eine Menschlichkeit für den Kommandanten der Unmenschlichkeit höchstpersönlich – kaum zu glauben. Dann gibt es aber auch die andere Seite, die Bestien, die Freude an der Grausamkeit haben, die Dinge taten, die man sich nicht ausmalen will und kann. Menschen wie Otto Moll, die ohne mit der Wimper zu zucken, vor den Augen der Mütter Kinder ermordeten oder Häftlinge bis zum Tode quälte.
Uns blieb jedoch noch ein Tag in Auschwitz. Wir durften nochmals und diesmal alleine durch das Stammlager gehen und die Ausstellungen, die wir uns am ersten Tag noch nicht angeschaut hatten, besuchen. Diese Zeit war als Abschluss gut gelungen, doch für die meisten war es schwierig, sich noch einmal auf die Situation einzulassen, da man von den restlichen Tagen schon so viel mitgenommen und viele Eindrücke gesammelt hatte, dass die Köpfe voll waren und Zeit zum Verarbeiten benötigten.

Auf den Spuren der jüdischen Kultur in Krakau

Diese Zeit bekamen wir dann in Krakau. Die Busfahrt war irgendwie seltsam, es war wie eine Fahrt raus aus dem Schrecken und hinein in die frohe Studentenstadt. Das war wie zwei verschiedene Fahrten. Auf der einen Seite die vielen erdrückenden Eindrücke aus Auschwitz und auf der anderen Seite die Erholung, die Ablenkung, aber auch das Verarbeiten - man konnte den Kopf frei von den hässlichen Gedanken der letzten Tage machen.

In Krakau hatten wir eine Touristenführerin, die sichtlich Spaß daran hatte, uns die Stadt mit ihren vielen Wahrzeichen und Geschichten näher zu bringen. Mit ihren kleinen Anmerkungen und kurzen Geschichten hat sie es erreicht, eine fertige und oft müde Gruppe Jugendlicher jedenfalls die meiste Zeit zu unterhalten. Da war einmal die Geschichte eines Handwerkers, der mit einem Trick, den Drachen überlistete und somit die Prinzessin rettete, die Geschichte eines Trompeters, der von einem Mongolen von bestimmt weit über 200 m direkt getroffen wurde, Geschichten von den Menschen, den Krakauer Persönlichkeiten und auch aus der NS - Zeit.

Wir trafen im Zentrum für Jüdische Kultur die Shoah-Überlebende Lidia Skibicka-Maksymowicz, die als Kind in Auschwitz war und zu den, wie sie selbst sagte, "Versuchskaninchen" von Mengele gehörte. Ergreifend war der Moment, in dem sie ihre tätowierte Häftlingsnummer zeigte, sie war noch genau zu erkennen, auch von der letzten Reihe noch, etwas zerrissen, aber noch da, in voller Länge. Mengele war für sie auf der einen Seite ein Albtraum, da er mit den Kindern grausame Versuche durchführte, aber auf der anderen Seite auch ihr Beschützer, da sie ohne ihn sofort ins Gas geschickt worden wäre, wie alle Kinder unter 14 Jahren.

Am letzten Tag in Krakau stand ein Gespräch mit dem Rabbiner Avi Baumol der jüdischen Gemeinde in Krakau auf dem Plan. Dieses Gespräch zeigte eine ganz andere Seite des Judentums, nämlich die Situation der Gemeinde von Krakau heute. Man stellt sich viel zu selten die Frage, wie es den Juden heute geht und vor allem den Juden in Polen. Zu unserer Überraschung wollte er uns ins Gespräch mit einbinden, was eine ganz neue Situation für uns war, da wir es gewohnt waren, eher zuzuhören und nachher vielleicht Fragen zu stellen. Er fragte uns zu vielen Dingen aus, als ob er interessierter wäre uns zu hören als anders herum. Vor uns stand ein ehrgeiziger Mensch, der alles dafür gab, die jüdische Gemeinde in Krakau wieder zu beleben. Er erzählte uns davon, dass es schwierig sei, auf Juden zu stoßen, da viele ihre Religion versteckten, zum Teil nicht wüssten, dass sie zum Judentum gehörten oder sich nicht damit identifizieren könnten. Er versucht also, mit verschiedenen Menschen ins Gespräch zu kommen, für das Judentum zu werben und durch Aktionen auf das Jewish Community Centre (JCC) aufmerksam zu machen. Er ist wirklich ein Mensch, der von seiner Arbeit glaubwürdig überzeugt ist und der ehrgeizig an einem schwer erreichbaren Ziel arbeitet.

Ein persönlicher Rückblick auf die Studienfahrt

In den insgesamt 8 Tagen ist so viel passiert -  wir haben so viele emotionale und auch schöne Momente erlebt. Unsere Gedenkstättenfahrt ist eine wichtige Erfahrung und das wird auch keiner so schnell wieder vergessen. Uns wurde nicht nur klarer, wie Auschwitz war und was dort passiert ist. Uns wurde vor Augen geführt, dass so etwas nie mehr und unter keinen Umständen noch einmal passieren darf. Die Menschheit darf diesen schrecklichen Teil ihrer Geschichte nicht vergessen, muss aus diesem Fehler lernen und alles daran setzen zu verhindern, dass solche rassistischen Gedanken an Kraft gewinnen - jeder für sich.
(Lino Rosa-Voigtländer und Kelana Mahessa, Q1)

Danksagung an die Bethe-Stiftung

An dieser Stelle möchten wir uns herzlich für die großzügige finanzielle Unterstützung bei der Bethe-Stiftung bedanken, die seit vielen Jahren Jugendlichen den Besuch von Gedenkstätten ermöglicht.